Contents
Von Bretton Woods bis Petrodollar
Es gibt Dinge, die so selbstverständlich geworden sind, dass man nicht mehr über sie nachdenkt. Der Dollar gehört dazu. Wer heute Öl kauft, bezahlt in Dollar. Wer Gold handelt, denkt in Dollar. Wer eine Staatsanleihe ausgibt, orientiert sich am Dollar. Das ist nicht das Ergebnis einer göttlichen Fügung. Es ist das Ergebnis von Geschichte, Macht und — wenn wir ehrlich sind — einem ziemlich dreisten Abkommen, das in einem Urlaubsort in New Hampshire besiegelt wurde.
Ich finde es faszinierend, wie wenig die meisten Menschen darüber nachdenken, warum das so ist. Wir akzeptieren den Dollar als Weltleitwährung mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der wir die Zeitmessung akzeptieren. Irgendwer hat das mal festgelegt. Die Welt hat sich dran gewöhnt. Ende der Diskussion. Nur dass es eben nicht das Ende der Diskussion ist — sondern möglicherweise erst ihr Beginn.
Bretton Woods, oder: Wer gewinnt, schreibt das Protokoll
Juli 1944. Der Zweite Weltkrieg ist noch nicht vorbei, aber die Alliierten sind zuversichtlich genug, um bereits über die Nachkriegsordnung nachzudenken. In Bretton Woods, New Hampshire, treffen sich Vertreter aus 44 Nationen. Sie wollen ein neues Währungssystem bauen. Was dabei herauskommt, ist im Grunde ein eleganter Trick: Der Dollar wird an Gold gebunden — 35 Dollar pro Unze — und alle anderen Währungen werden an den Dollar gebunden. Das klingt nach einer Art neutralem Anker. Es ist aber vor allem eine Privilegienarchitektur für die Vereinigten Staaten.
Der britische Ökonom John Maynard Keynes hatte damals eine Alternative vorgeschlagen: eine supranationale Währung namens Bancor, verwaltet von einer internationalen Institution, an der alle Länder gleichberechtigt teilhaben sollten. Die Idee war elegant, zu elegant vielleicht. Die Amerikaner wollten sie nicht. Sie hatten gerade den Krieg gewonnen, besassen zwei Drittel der weltweiten Goldreserven und hatten die produktionsfähigste Volkswirtschaft der Erde. Warum sollten sie sich auf Augenhöhe begeben? Sie setzten sich durch. Keynes reiste als unterlegener Verhandlungsführer nach Hause. Der Dollar war Weltgeld.
Das Privileg, das keine Rechnung bezahlen muss
Friedrich August von Hayek, der österreichische Ökonom und Nobelpreisträger, hat zeitlebens davor gewarnt, Geld in staatliche Hände zu geben. In seinem Spätwerk zur Entnationalisierung des Geldes argumentierte er, dass nur ein Wettbewerb verschiedener Währungen zu stabilen, vertrauenswürdigen Zahlungsmitteln führen könne. Der Staat — jeder Staat — neige dazu, die Geldpresse zu nutzen, wenn es politisch bequem sei. Eine Monopolwährung, erst recht eine staatlich kontrollierte, sei ein Einladungsschreiben an zukünftige stark verschuldete Staaten.
Er hatte nicht Unrecht. Als Richard Nixon 1971 die Goldbindung des Dollars aufhob — ein Ereignis, das in den Geschichtsbüchern oft erstaunlich unaufgeregt behandelt wird — da wurde aus einem nominellen Anker ein reines Vertrauenssystem. Der Dollar war fortan durch nichts anderes gedeckt als durch die Bereitschaft der Welt, an ihn zu glauben. Ludwig von Mises, Hayeks intellektueller Mentor, hätte an dieser Stelle seufzend auf sein Hauptwerk verwiesen: Ein Geldwesen ohne objektiven Wertanker ist kein solides Fundament, sondern ein Kartenhaus, das von politischen Interessen gebaut wird.
Was folgte, nennen US-Ökonomen gerne „exorbitantes Privileg“ — ein Begriff, den de Gaulle mit deutlich mehr Bitterkeit geprägt hatte. Amerika kann Schulden in seiner eigenen Währung machen. Es kann Dollars drucken, um Dollars zu bezahlen. Es kann sein Haushaltsdefizit exportieren, indem es Staatsanleihen verkauft, die die ganze Welt kauft, weil sie keine Alternative hat. Stellt euch vor, euer Nachbar würde mit selbst gedruckten Scheinen beim Bäcker einkaufen — und der Bäcker würde sie nehmen, weil alle anderen im Dorf das auch tun. Das ist, grob vereinfacht, das amerikanische Modell.
Ölschock und Petrodollar: Die zweite Absicherung
Als Nixon 1971 die Golddeckung abschaffte, war das System eigentlich am Ende. Doch wenige Jahre später wurde eine neue Absicherung gefunden: Öl. Die USA handelten in den frühen 1970er Jahren mit Saudi-Arabien eine stille Übereinkunft aus. Die OPEC-Staaten würden Öl ausschliesslich in Dollar fakturieren. Im Gegenzug erhielten sie militärischen Schutz und politische Unterstützung. So entstand der Petrodollar — und damit eine neue strukturelle Nachfrage nach der amerikanischen Währung. Wer Energie kaufen will, braucht Dollar. Wer Dollar braucht, ist abhängig vom amerikanischen Finanzsystem. Elegant, wenn man auf der richtigen Seite des Tisches sitzt.
Man muss das nicht verschwörungstheoretisch sehen. Es ist schlicht Realpolitik, wie sie Staaten seit Jahrtausenden betreiben. Neu war nur das Instrument: keine Kanonen, keine Kolonien — nur eine Währung und ein globales Abrechnungssystem namens SWIFT, das die USA de facto kontrollieren. Hayek hätte gesagt: Schaut her, das ist der Staat, der sich das Geldmonopol zum Machtinstrument macht. Und er hätte damit recht gehabt.
Risse im Fundament
Heute, im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, mehren sich die Zeichen, dass dieses System unter Druck gerät. China und Russland handeln zunehmend in anderen Währungen. Die BRICS-Staaten diskutieren ernsthaft über ein eigenes Zahlungssystem. Der Iran, der Irak, Venezuela — Länder, die unter US-Sanktionen stehen — suchen aktiv nach Dollar-Alternativen. Das ist kein antiamerikanisches Ressentiment um seiner selbst willen. Es ist das rationale Verhalten von Akteuren, die erkannt haben, dass die Abhängigkeit vom Dollar ein Hebel ist, der gegen sie gerichtet werden kann.
Und dann ist da noch Bitcoin. Oder genauer: die Idee dahinter. Eine Währung ohne Staat, ohne Zentralbank, ohne politische Agenda. Mises würde sagen, das entspreche eher seinem Ideal als jede Fiatwährung. Hayek würde nicken: Wettbewerb der Währungen, endlich. Ob Kryptowährungen die Antwort sind, ist eine andere Frage. Aber die Tatsache, dass Millionen von Menschen weltweit bereit sind, einer mathematischen Formel mehr zu vertrauen als einem Staat, sagt etwas über das Vertrauen in Letztere aus.
Die Zukunft der Dollar-Krise: Langsamer Wandel oder grosser Knall?
Wer auf den grossen Knall wartet — den Tag, an dem der Dollar über Nacht zusammenbricht und eine neue Weltordnung aufgeht wie Tagesanbruch — der wird wahrscheinlich lange warten. Währungsordnungen sterben selten schnell. Das britische Pfund hat seine Vormachtstellung nach dem Zweiten Weltkrieg über Jahrzehnte schrittweise abgegeben. Der Dollar wird das vermutlich auch tun. Nicht weil jemand einen besseren Plan hat, sondern weil das Vertrauen erodiert, langsam, fast unmerklich, wie Rost.
Was wäre die Alternative? Keynes‘ Bancor? Ein digitaler Sonderziehungsrechte-Korb des IWF? Eine chinesische Reservewährung? Ehrlich gesagt: Ich weiss es nicht. Und das ist vielleicht das Ehrlichste, was man über Währungsfragen sagen kann. Die Ökonomen streiten seit Jahrzehnten. Hayek und Mises hätten auf Markt und Wettbewerb gesetzt. Keynes hätte internationale Institutionen bevorzugt. Alle drei waren klüger als ich. Und alle drei hatten in wichtigen Punkten Unrecht.
Was ich weiß Ein System, in dem ein Land seine eigene Währung als Weltgeld nutzt und dabei den Rest der Welt mit seinen geldpolitischen Entscheidungen zwingt, mitzuschwingen — das ist kein stabiles Gleichgewicht. Es ist ein politisches Arrangement, das solange funktioniert, wie alle mitspielen wollen. Und die Bereitschaft, mitzuspielen, nimmt ab.
Der Dollar wird nicht morgen fallen. Aber er könnte übermorgen weniger unersetzlich sein. Und das ist keine Prophezeiung, das ist einfach Geschichte — die sich, wie so oft, um die Ecke schleicht, bevor sie anklopft.