Unter den Milliardären des Silicon Valley ist Peter Thiel eine eigentümliche Figur. Nicht weil er einen Schatten wirft, den die anderen nicht hätten. Sie alle werfen Schatten, manche sehr lange. Sondern weil er der einzige ist, der den Schatten beim Namen nennt. Während Zuckerberg von Community spricht und Bezos vom Kunden, während Altman von der Rettung der Menschheit redet und Musk vom Mars, spricht Thiel von Monopol, von Stagnation, vom Ende der Demokratie. Er sagt Sätze, die andere nur denken, wenn sie sie überhaupt denken. Das macht ihn zum unangenehmsten und damit aufklärerischsten Vertreter seiner Klasse.
Zero to One, das 2014 aus Notizen seiner Stanford-Vorlesung hervorgegangene Buch, ist kein Management-Handbuch. Es ist ein philosophisches Traktat, getarnt als Gründerratgeber. Seine zentrale Behauptung wirkt auf den ersten Blick zynisch: Wettbewerb sei für Verlierer. Ziel sei nicht der faire Markt, sondern das Monopol. Nicht das hässliche, staatlich abgesicherte Kartell-Monopol, sondern das schöpferische, bei dem ein Unternehmen etwas so fundamental anderes macht, dass der Ellenbogen überflüssig wird. Google konkurriert mit niemandem, weil niemand ist, was Google ist. Genau das, so Thiel, sei die einzige Lage, in der ein Unternehmen langfristig denken, seine Mitarbeiter ordentlich bezahlen und Forschung finanzieren könne. Der Wettbewerb vernichte die Ressourcen, die für das Bessere nötig wären.
Man kann diese These als brutalen Neoliberalismus lesen, und sie ist brutal. Aber sie ist nicht neoliberal im gewöhnlichen Sinn. Sie ist etwas Tieferes, und um das zu sehen, muss man einen Mann kennen, den Thiel in seinen Dankesworten nennt und dessen Denken den Untergrund des ganzen Buches bildet: René Girard, französischer Literaturtheoretiker, bis zu seinem Tod 2015 Professor in Stanford, einer der Lehrer, die Thiel nachhaltig geprägt haben. Thiel hat mehrfach gesagt, er habe sein wirtschaftliches Handeln aus Girards anthropologischer Theorie abgeleitet. Das ist keine Koketterie. Es ist, wenn man Girard kennt, wörtlich zu nehmen.
Girards Lebenswerk kreist um einen Befund, den er zunächst in den großen Romanen Europas. In Werken von Cervantes, Stendhal, Flaubert, Proust, Dostojewski. Dessen Inhalte er dann auf die Menschheit als ganze übertrug: dass der Mensch nicht aus sich heraus begehrt. Der Wunsch braucht ein Modell, und das Modell ist immer der andere. Das Kind will das Spielzeug nicht, weil es Spielzeug ist, sondern weil das andere Kind danach greift. Der Erwachsene will das Haus nicht, weil er darin wohnen muss, sondern weil der Kollege eines gekauft hat. Das Begehren ist mimetisch, eine Nachahmung, die sich selbst nicht durchschaut. Girard nannte es désir mimétique, und er hielt es für die Grundstruktur der menschlichen Seele, hinter der es keine tiefere mehr gibt.
Wenn aber alle dasselbe wollen, und zwar weil alle es wollen, dann wird die Welt eng. Aus Nachahmung wird Rivalität, aus Rivalität Konflikt, aus Konflikt Gewalt. Girard sah darin die anthropologische Grundsituation: Gesellschaften, die ihre eigene Nachahmungsdynamik nicht bändigen, laufen in den Krieg aller gegen alle. Das archaische Heilmittel war das Opfer. Ein Einzelner, meist der Schwächste, der Fremdeste, der Auffälligste, wurde zum Sündenbock gemacht, und in seinem Blut entlud sich die aufgestaute Aggression. Für einen Moment herrschte Frieden, bis der nächste Zyklus begann. Die Religionen der Welt, so Girard, sind die kulturelle Verarbeitung dieser Opferlogik. Das Christentum ist in seinen Augen die einzige Religion, die den Mechanismus entlarvt hat, indem sie den Gekreuzigten ausdrücklich zum unschuldigen Opfer erklärt und damit das archaische Spiel von innen heraus aufbricht.
Das ist dichte anthropologische Theorie, und man muss ihr nicht in allem folgen. Aber Thiel hat sie nicht akademisch gelesen. Er hat sie strategisch übersetzt, und das ist die philosophische Pointe, die Zero to One von jedem anderen Businessbuch unterscheidet.
Wenn die Konkurrenz strukturell ein mimetisches Phänomen ist. Wenn Unternehmen einander imitieren, weil der eine macht, was der andere macht, weil alle auf denselben Markt starren und denselben Kunden umwerben, dann ist der Wettbewerb nicht der Zustand, in dem der Beste gewinnt. Er ist der Zustand, in dem alle sich gegenseitig zerreiben, bis die Margen verschwunden, die Innovation erschöpft und die Beteiligten austauschbar geworden sind. Der gute Gründer, sagt Thiel, weiß das. Er baut nicht den zehnten Suchmaschinen-Klon. Er baut etwas so Anderes, dass das mimetische Feld sich gar nicht erst bildet. Das Monopol ist in dieser Lesart keine Sünde, sondern eine Fluchtform: der Ausstieg aus dem Opferkreis.
Diese Umdeutung ist brillant in ihrer Geschlossenheit. Sie erklärt, warum Thiel dieselbe Skepsis gegen akademische Eliten, gegen die Orthodoxie des Silicon Valley, gegen die Harvard-Bewerber-Schlacht hegt. Überall sieht er dieselbe Dynamik: Menschen, die nicht wissen, was sie wollen, die einander nachäffen, die ihre besten Jahre im Ringen um Positionen verbrennen, die sie nur deshalb attraktiv finden, weil andere sie attraktiv finden. Thiels Stanford-Seminar hieß zunächst Competition and the Mimetic Desire. Das ist kein beiläufiges Etikett, sondern die Überschrift einer Weltdeutung.
Und doch: Die Stärke der Theorie ist zugleich ihr blinder Fleck. Girard beschreibt die mimetische Verstrickung als anthropologische Konstante, der nur die seltene Ausnahme entkommt. In Gestalt des Mystikers, des Heiligen, dem schöpferischen Einzelnen, dem Gekreuzigten, der das Spiel durch seine Unschuld durchbricht. Thiel macht aus dieser Ausnahme ein Geschäftsmodell. Was der Heilige einst war, der, der dem Strudel des Begehrens entrissen war, soll nun der Gründer sein. Das ist eine kühne Gleichsetzung. Und sie lässt die Frage offen, was aus der Mehrheit werden soll, die kein Monopol hat und auch keins gründen kann. Die Millionen, die in Thiels System schlicht nicht vorkommen, befinden sich in genau der Lage, die Girard als archaisch beschrieben hat: im Opferkreis. Sie bekämpfen einander um knappe Positionen, weil ihnen nur diese Positionen bleiben. Thiels Antwort auf diese Lage ist im Wesentlichen keine. Oder vielmehr die Andeutung, dass Demokratie vielleicht nicht mehr zu retten sei und dass technische Eliten die Welt ordnen sollten, wenn sie es nur richtig anstellten.
Darin liegt die politische Pointe des thielschen Systems. Er hat das mimetische Denken geerbt, aber den katholischen Universalismus Girards abgelegt. Girard wollte das Opfer aufklären, um es zu beenden; er glaubte, das Christentum habe den Opfermechanismus in seinem Kern bereits außer Kraft gesetzt, auch wenn die Geschichte diese Einsicht nur langsam einholt. Thiel hingegen akzeptiert die Opferstruktur. Er selbst ist ja geflohen, und das Monopol ist seine Rettung. Was mit dem Rest geschieht, ist für das System nicht wichtig.
Diese Haltung materialisiert sich nicht nur in Büchern und Vorlesungen, sie materialisiert sich in einem Unternehmen. 2004, zwei Jahre nach dem Verkauf von PayPal, gründet Thiel mit Alex Karp und anderen Palantir Technologies. Der Name ist aus Tolkien genommen: der Palantír ist der Sehstein aus dem Herrn der Ringe, ein kristallines Werkzeug der Ferndiagnose und der Manipulation. Wer einen besitzt, sieht, was andere nicht sehen. Wer mehrere Sehsteine kontrolliert, kann die Erzählung steuern. Bei Tolkien werden die Palantíri von Sauron korrumpiert, und die Hüter, die sich auf sie verlassen, verlieren ihren Willen. Thiel kennt diese Stelle. Er hat den Namen mit Bedacht gewählt.
Palantir baut Analysesoftware, die aus heterogenen Datenquellen wie Bankbewegungen, Kommunikationsprotokollen, Grenzübergängen, Sozialhilfeakten, Überwachungsbildern verwertbare Muster erzeugt. Erste Großkunden waren die CIA und die NSA. In den folgenden Jahren kamen das amerikanische Einwanderungsamt ICE, das Pentagon, Polizeibehörden in Los Angeles und New Orleans, der britische NHS während der Pandemie, die Bundeswehr, zuletzt die israelische Armee im Gaza-Krieg. Das Geschäftsmodell ist nicht Werbung, sondern Staatsdienst.
In Palantir verbindet sich in ungewohnt unverstellter Form, was über die gesamte Geschichte der Technik gilt: die Verschränkung von Werkzeug und Herrschaft. Nicht als heimliche Kooperation, sondern als offen angebotenes Produkt. Der Schamane mit dem Feuer, der Drucker im Dienst der Zensurbehörde, der Rundfunk im Propagandaministerium, der Algorithmus im Überwachungsstaat. Palantir ist die zeitgenössische Station dieser langen Kette, und das Eigentümliche an Thiel ist, dass er sie nicht verbirgt, sondern das Unternehmen nach einem Artefakt benennt, das in seinem mythischen Ursprung verflucht ist.
Man tut Thiel unrecht, wenn man ihn als gewöhnlichen Bösewicht liest. Er ist etwas Ungewöhnliches: der intellektuell kohärenteste Vertreter einer Position, die sonst nur verschämt formuliert wird. Dass Demokratie und Kapitalismus womöglich unvereinbar seien, hat er 2009 geschrieben und nicht zurückgenommen. Dass die Freiheit nur in kleinen, vom Staat nicht erfassbaren Räumen möglich sei. Auf See, im All, im Cyberspace ist seine wiederkehrende Figur.
Die Frage, die Thiels Theorie nicht stellt, lautet: Was, wenn die Flucht ins Monopol nicht der Ausstieg aus dem Opferkreis ist, sondern nur dessen Großform? Was, wenn der Gründer, der sich für den Heiligen hält, in Wahrheit der Hohepriester eines neuen Opferkults ist, dessen Altar die Plattform ist und dessen Opfer der aufmerksamkeitszerstreute, datenabgesaugte, algorithmisch sortierte Nutzer? Girard hätte diese Frage gestellt, und es spricht viel dafür, dass er sie seinem Schüler gestellt hat.
Thiel stellt sie nicht. An dieser Linie, die seine Theorie nicht überschreitet, scheiden sich die Anhänger vom kritischen Betrachter. Und vielleicht ist das der eigentliche Grund, aus dem man ihn lesen sollte. Nicht um ihm zu folgen, sondern um an ihm zu lernen, wie weit ein geschlossenes System denken kann, bevor es sich selbst verrät.
Der Sündenbock, so endet Girards Theorie, funktioniert nur, solange er nicht als solcher erkannt wird. Sobald die Gesellschaft merkt, dass das Opfer unschuldig war, hört der Mechanismus auf zu tragen. Thiels Monopol funktioniert nur, solange die Vielen im mimetischen Kreis gefangen bleiben und die Flucht des Einzelnen für das Wunder halten, als das sie es inszenieren. Ob sie es bleiben, ist die offene Frage des Jahrhunderts. Die Antwort wird nicht in Stanford fallen.