Technik und Herrschaft – Wie Technologie Macht über den Menschen gewinnt

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Jede Epoche hat ihre Leitfrage, und jede Epoche verpasst sie. Das 20. Jahrhundert hat sich lange gefragt, wer die Produktionsmittel besitzt, und das war eine wichtige Frage. Das 21. Jahrhundert fragt sich, wer unsere Daten hat, und das ist eine Hilfsfrage. Die eigentliche Frage ist älter, größer, und sie hat sich durch jede technische Umwälzung der Menschheit gezogen, ohne je abschließend beantwortet zu werden, weil ihre Antwort bei jeder neuen Technik neu ausgehandelt werden muss. Wem gehört die Technik, und was macht das mit der Macht?

Bevor man die Geschichte betrachtet, lohnt es, die beiden Begriffe zu klären, die in ihm stecken, denn sie werden im Alltag durcheinandergeworfen, und das hat Folgen. Max Weber hat uns in Wirtschaft und Gesellschaft den nüchternsten Rahmen gegeben, den wir bis heute haben. Macht, schrieb er, sei jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichgültig worauf diese Chance beruhe. Die Definition ist bewusst weit gehalten. Sie erfasst die rohe Gewalt ebenso wie das Geld, das Charisma ebenso wie das Amt, das Wissen ebenso wie die soziale Abhängigkeit. Entscheidend ist das auch gegen Widerstreben. Macht bewährt sich am Widerstand. Wo kein Widerstand ist, stellt sich die Frage nicht.

Davon unterschied Weber die Herrschaft. Herrschaft ist der Spezialfall der Macht, in dem sich der Wille auf einen Gehorsam stützt, der freiwillig geleistet wird, weil er als legitim empfunden wird. Tradition, Charisma, rationale Regel. Drei Fundamente, auf denen Gehorsam ruhen kann. Wo diese Fundamente wegbrechen, wird Herrschaft wieder zu bloßer Macht, und bloße Macht ist teuer, weil sie jeden Augenblick erneut bewiesen werden muss.

Für die Frage der Technik ist diese Unterscheidung darum so brauchbar, weil sie die Oberflächenrhetorik entlarvt. Wer eine neue Technik kontrolliert, übt zunächst Macht aus. Er kann Dinge tun, die andere nicht können, und er kann andere zwingen, in Beziehung zu ihm zu treten. Ob daraus Herrschaft wird, hängt davon ab, ob der Gebrauch der Technik legitim erscheint, ob er also so selbstverständlich wird, dass der Gehorsam ihm gegenüber kaum noch als Gehorsam empfunden wird. Das ist die Schwelle, an der wir gegenwärtig stehen, und an der wir in den vergangenen Jahrhunderten mehrmals gestanden haben, ohne dass die Erfahrung uns klüger gemacht hätte.


Die Geschichte beginnt dort, wo die Archäologie aufhört und das Feuer anfängt. Vor Hunderttausenden von Jahren lernt der Mensch, den Funken zu bewahren und schließlich zu erzeugen. Das ist keine bloße Erfindung, es ist eine Revolution des Überlebens und zugleich eine Revolution der Ordnung. Wer Feuer hat, hält die Nacht aus, verdaut mehr Nahrung, wehrt Raubtiere ab, schmilzt später Metalle, und er tut all das nicht allein, sondern in Gruppen, die sich um das Feuer ordnen. Schon am ersten Herd entsteht eine Topographie: Wer darf nah sitzen, wer muss weiter weg. Wer hütet das Feuer, wenn alle schlafen. Wer weiß, wie man es entzündet, wenn es erlischt. Die frühesten Priesterfiguren der Menschheit sind die Wächter des Feuers, und ihre Autorität ist nicht mystisch im Ursprung, sondern technisch. Sie beherrschen ein Verfahren, das die Gruppe braucht. Die Mystifikation kommt später, sie ist der Glanz, der sich um das Wissen legt, damit es nicht angefochten wird.

Das Muster, das sich hier zum ersten Mal zeigt, wird die Technikgeschichte nicht mehr verlassen. Eine neue Technik entsteht; die Gruppe, die sie beherrscht, gewinnt Einfluss; der Einfluss wird zur Stellung; die Stellung wird legitimiert, meist durch eine Erzählung, die das technische Wissen in ein höheres Wissen verwandelt. So wird aus Macht Herrschaft, und die Herrschaft hält, solange die Erzählung hält.


Bevor wir die weiteren Stationen durchgehen, verdient eine theoretische Gabelung Aufmerksamkeit, weil sie bestimmt, wie wir die Geschichte überhaupt wahrnehmen. Es gibt zwei Arten, sie zu erzählen. Zwei Metaphysiken der Geschichte, die zueinander stehen wie die beiden Hälften eines Gehirns.

Die lineare Erzählung ist das Erbe der Aufklärung. In ihr steigt die Menschheit auf, von Stufe zu Stufe, von Stein zu Bronze zu Eisen, vom Aberglauben zur Wissenschaft, vom Mangel zum Überfluss. Hegel hat ihr die philosophische Weihe gegeben, Comte die soziologische Form, Marx die ökonomische Schärfe, und im frühen 21. Jahrhundert trägt sie das Gesicht des Silicon Valley. Wenn Marc Andreessen 2023 sein Techno-Optimist Manifesto veröffentlicht, schreibt er im Grunde eine weitere Strophe auf diese alte Melodie: Technik sei gut, mehr Technik besser, wer sie bremse, sei der Feind des Menschen. Man muss diese Haltung nicht teilen, um zu sehen, dass sie in ihrer eigenen Welt ehrlich ist und dass sie auf realen Fortschritten beruht. Dass wir nicht mehr an Cholera sterben und nicht mehr im Dunkeln sitzen, hat einen Grund.

Die zyklische Erzählung ist älter und wird in Zeiten der Krise unerwartet jung. Vico hat sie im 18. Jahrhundert ausgearbeitet, als er die corsi e ricorsi der Geschichte beschrieb, die Rückkehr der Grundfiguren in immer neuen Kleidern. Spengler hat sie im 20. Jahrhundert dramatisiert, als er die Kulturen wie Organismen geboren werden, blühen und sterben sah. Toynbee hat sie diplomatischer formuliert, als er von Herausforderungen und Antworten sprach: Wer die richtige Antwort finde, blühe; wer sie nicht finde, zerfalle, aber die Strukturen der Herausforderung kehrten wieder. In der zyklischen Sicht verläuft die Geschichte der Technik nicht als Treppe, sondern als Welle. Jede neue Technik beginnt mit einem Versprechen von Freiheit, läuft in eine Phase der Konzentration, erzeugt ihre Gegenbewegung und wird schließlich abgelöst, wobei die Ablösung den Zyklus nicht beendet, sondern auf einer neuen Ebene eröffnet.

Wer ehrlich hinschaut, findet beide Theorien bestätigt. Die lineare hat recht, wenn sie vom Fortschritt der Erträge spricht. Die zyklische hat recht, wenn sie von der Wiederkehr der Muster spricht. Die interessantere Frage ist nicht, welche der beiden stimmt, sondern welche Art von Erkenntnis jeweils gebraucht wird. In Zeiten der Zuversicht ist die lineare Sicht harmlos, in Zeiten der Konzentration ist sie gefährlich, weil sie den Blick für das Muster verstellt.


1450, als Gutenberg die beweglichen Lettern zur Reife bringt, sehen die Zeitgenossen zunächst eine Befreiung. Der gedruckte Text entzieht das Buch dem Kloster, der Übersetzer-Mönch wird überflüssig, die Bibel gelangt in die Sprachen des Volkes, die Reformation wird möglich und mit ihr das, was man später die Öffentlichkeit nennen wird. Aber schon im selben Jahrhundert gründen Fürsten Druckereien, die sich um die Krone versammeln, wird der Index librorum prohibitorum aufgelegt, werden Zensurbehörden eingerichtet und Nationalsprachen standardisiert. Der Buchdruck demokratisiert das Lesen und schafft zugleich den Leser, den der Nationalstaat braucht: einen, der seine Sprache, seine Geschichte, seine Loyalität mit Menschen teilt, die er nie sehen wird. Ohne den Buchdruck keine Reformation, aber auch kein Dreißigjähriger Krieg. Ohne den gedruckten Katechismus keine Aufklärung, aber auch kein Propagandaflugblatt.

Die Technik ist nicht neutral, wie gern behauptet wird; sie bringt eine Welt mit. Aber welche Welt sie bringt, entscheidet die Machtstruktur, in die sie fällt. McLuhan hat diesem Befund die prägnante Form gegeben, als er sagte, das Medium sei die Botschaft, und damit meinte, dass die bloße Existenz einer Medientechnik das Bewusstsein formt, bevor irgendein Inhalt übertragen wird. Der Buchdruck erzeugt den linearen, einzelnen, innerlichen Leser. Eine anthropologische Figur, die es vorher so nicht gab. Diese Figur ist die Voraussetzung des modernen Individuums, und wer das Individuum als Errungenschaft feiert, sollte wissen, dass es eine technische Herkunft hat.


Die zweite große Verwandlung beginnt mit James Watts Patent von 1769. Die Dampfmaschine ist nicht nur eine Kraftquelle, sie ist ein Organisationsprinzip. Sie zwingt zur Fabrik, weil sie zu teuer ist, um sie in jedem Haushalt zu betreiben; sie zwingt zur Konzentration der Arbeit, weil die Kraftübertragung an die Maschine gebunden ist; sie zwingt zur Uhr, weil Fabrikarbeit getaktet werden muss. Das Ergebnis ist nicht nur der Reichtum, den Marx bewundert und anklagt, sondern eine neue anthropologische Figur: der Arbeiter, der seine Zeit verkauft, weil er nichts anderes zu verkaufen hat. Das Kapital, lehrt Marx mit einer Strenge, die man nicht dadurch widerlegt, dass man ihn aus der Mode erklärt, ist geronnene Arbeit. Arbeit, die in Maschinen und Gebäuden zu totem Kapital geworden ist und als solches die lebendige Arbeit kommandiert.

Die Kinder in den Manchester-Spinnereien des frühen 19. Jahrhunderts arbeiten vierzehn Stunden täglich, weil es möglich ist und weil die Logik der Fabrik es verlangt. Die Gegenbewegung, die darauf antwortet, Gewerkschaft, Sozialgesetzgebung, Wohlfahrtsstaat, braucht ein Jahrhundert, bis sie das Gleichgewicht halbwegs wiederherstellt. Das ist das zyklische Muster in nuce: Die Konzentration produziert ihre Antithese, aber sie tut es langsam, und in der Zwischenzeit wird gelitten.


Das 20. Jahrhundert steht im Zeichen der elektrischen Medien, und hier wird der ambivalente Charakter der Technik besonders greifbar. Das Radio, in Weimar noch ein Medium der Zerstreuung und der Bildung, wird im Dritten Reich zum Hauptwerkzeug der Mobilisierung. Goebbels hat früher als andere verstanden, dass das Radio keine Nachricht überträgt, sondern eine Stimmung erzeugt; dass es nicht den Verstand anspricht, sondern die affektive Schicht unter dem Verstand. In der Diktatur wird es zum Instrument der Synchronisation des Volksempfindens. Ein Wort, das schon alles sagt. Dieselbe Technik, die in Demokratien Pluralität ermöglicht, wird in Diktaturen zur Orgel der Gleichschaltung. Die Technik bringt Möglichkeiten mit, aber welche Möglichkeit sich aktualisiert, entscheidet die politische Ordnung, in die sie eingebaut ist.

Die gegenwärtige Phase, die mit der Öffnung des World Wide Web 1994 beginnt, hat alle diese Muster in verdichteter Form wiederholt. Das Netz beginnt als anarchische Möglichkeit, mit Wikipedia, Open Source, Blogs, die jeder schreiben kann, und mit dem Versprechen, die alten Gatekeeper zu erledigen. Innerhalb eines Vierteljahrhunderts ist aus dieser Verteilung ein Oligopol geworden, wie es die Wirtschaftsgeschichte in dieser Reinform kaum je gesehen hat. Fünf amerikanische Unternehmen. Apple, Alphabet, Meta, Amazon, Microsoft besitzen Marktkapitalisierungen, die das Bruttoinlandsprodukt mittelgroßer Nationalstaaten überschreiten. Sie besitzen keine Produktionsmittel im klassischen Sinn. Sie besitzen Aufmerksamkeit, Infrastruktur und Daten, und das sind die Produktionsmittel einer Wirtschaft, die nicht mehr Güter, sondern Verhaltensprognosen herstellt, wie Shoshana Zuboff es in ihrer Analyse des Überwachungskapitalismus beschrieben hat.

Die Geschwindigkeit dieser Konzentration ist beispiellos, und sie ist mathematisch zu erklären. Die Mathematik hat einen Namen: Netzwerkeffekt. Ein soziales Netz ist wertlos, solange nur einer darin ist, und es wird für jeden Neuankömmling attraktiver, je mehr andere schon da sind. Daraus folgt mit der Unerbittlichkeit einer Naturkonstante, dass ein einziger Anbieter das Feld dominiert. Es sei denn, politische Macht setze dem Mechanismus eine Grenze. Die politische Macht, die dies hätte tun können, hat es in den vergangenen dreißig Jahren nicht getan, aus Gründen, die selbst wieder zum Muster gehören.


Hinter diesen ökonomischen Befunden liegt ein tieferer, den Martin Heidegger vor siebzig Jahren in seinen Vorträgen über die Technik skizziert hat und den man schwer loswird, wenn man ihm einmal begegnet ist. Heidegger sah in der modernen Technik kein Werkzeug, das der Mensch nach Belieben einsetzt, sondern eine Weise, wie das Seiende überhaupt erscheint. Er nannte sie das Ge-stell. In dieser Weise des Erscheinens wird alles, was ist, in den Blickwinkel der Verfügbarkeit gerückt: Der Wald wird zum Forst, der Fluss zum Wasserkraftwerk, der Acker zum Betrieb, der Mensch zum Humankapital. Das ist keine moralische Klage, es ist eine ontologische Beobachtung. Technik in der Moderne ist nicht primär das, was wir mit ihr tun, sondern wie wir das Seiende sehen, bevor wir irgendetwas mit ihm tun. Sie ist Weltauslegung, und es ist eine, die schwer abzulegen ist, weil sie bereits festlegt, wie überhaupt etwas als etwas erscheinen kann.

Lewis Mumford hat denselben Befund von der anderen Seite her beschrieben, nicht ontologisch, sondern strukturell. Er sah in der modernen Zivilisation die Rückkehr einer sehr alten Figur, die er Megamaschine nannte. Die zentralistische Großordnung der Pharaonenreiche, in denen Menschen selbst zu austauschbaren Teilen eines großen Räderwerks geworden waren. Die Pyramiden seien, sagte er, die erste Megamaschine gewesen: eine Apparatur aus Menschen, Steinen, Bürokratie und Glauben, zusammengehalten durch Mythos und Zwang. Die moderne Megamaschine nutze nur andere Mittel, elektronische statt papierener, fossile statt tierischer, algorithmische statt priesterlicher. Aber sie verfolge dieselbe Logik: die Einpassung der Vielen in die Berechenbarkeit der Wenigen.

Heidegger und Mumford stehen nicht in derselben Denkrichtung, und sie widersprechen einander in vielem. Aber sie teilen eine Intuition, die die technik-optimistische Erzählung ihrerseits nicht teilen kann: dass Technik niemals nur Technik ist. Sie ist Weltverhältnis. Sie ist Ordnung. Sie ist Herrschaft im weberischen Sinn, weil sie einen Gehorsam erzeugt, den niemand mehr als Gehorsam empfindet. Man gehorcht nicht einer Person, man gehorcht einer Schnittstelle, und darin liegt die Raffinesse dieser neuen Herrschaftsform: Sie hat kein Gesicht, gegen das sich der Widerstand richten könnte.


Warum wiederholt sich das Muster? Fünf Mechanismen genügen zusammengenommen als Erklärung, und es lohnt, sie nacheinander zu sehen. Nicht als Checkliste, sondern als Ineinandergreifen.

Der erste ist der Wissensvorsprung. Wer eine neue Technik zuerst versteht, hat einen Vorsprung, den er in wirtschaftliche und politische Positionen ummünzen kann, bevor die anderen überhaupt begreifen, dass die Welt sich gerade verschiebt. Der Schmied mit dem Eisen, der Ingenieur mit dem Dampf, der Programmierer mit dem Algorithmus. Das ist dieselbe Figur in drei Kleidern. Der zweite ist die Infrastrukturlogik. Manche Techniken sind natürliche Monopole, weil sie nur ein einziges Netz vertragen. Eisenbahnen, Stromnetze, Cloud-Infrastruktur. Niemand baut konkurrierende Parallelsysteme, und wer das bestehende kontrolliert, kontrolliert alles, was darüber läuft. Heute sind es drei amerikanische Unternehmen, die den Großteil der digitalen Infrastruktur der Welt betreiben; die Abhängigkeit ist so vollständig, dass selbst Staaten sie nicht mehr sichtbar machen, aus Furcht vor dem eigenen Bild.

Der dritte Mechanismus ist der Netzwerkeffekt, den wir schon als mathematische Ursache der Plattformmonopole kennengelernt haben. Der vierte ist das Kapitalgesetz: Neue Techniken verlangen große Investitionen, bevor sie Erträge bringen, und nur wer Kapital hat, kann investieren. Das Kapital akkumuliert sich auf der Seite, auf der es bereits ist, und Schumpeters schöpferische Zerstörung ändert zwar die Gesichter der Kapitalisten, aber nicht das Prinzip der Akkumulation. Der fünfte, und vielleicht der wichtigste, ist die Allianz mit dem Staat. Jede mächtige Technik weckt staatliches Interesse, und der Staat schützt die Inhaber im Austausch gegen Zugang zu den Kapazitäten. Die Eisenbahn wurde zum militärischen Logistikinstrument, das Radio zum Propagandagerät, das Internet zum Überwachungsorgan, die künstliche Intelligenz wird beides zugleich und noch einiges mehr.

Wer diese fünf Mechanismen zusammennimmt, versteht, warum das Muster kein Zufall ist. Es ist die Struktur selbst, die diese Ergebnisse produziert, und um die Struktur zu ändern, braucht es mehr als den guten Willen einzelner. Es braucht institutionelle Gegenkräfte. Diese sammeln sich, wenn die Geschichte ein Indiz ist, erst dann zu wirksamer Form, wenn die Konzentration lange genug wehgetan hat.


Wir stehen mit der künstlichen Intelligenz am Anfang des nächsten Zyklus, und die Muster sind bereits ausgeprägt. Die Technik entsteht in einer Handvoll von Laboren, die fast alle in derselben Landschaft zwischen San Francisco und Seattle liegen. Die Infrastruktur sind die großen Sprachmodelle, die Compute-Cluster, die Datenkollektionen. In einem Maße konzentriert, welche das Silicon Valley in seiner frühen Phase noch nicht kannte. Das Kapital fließt in so großen Mengen in diese Unternehmen, dass ganze Nationalstaaten sich ihr Tempo nicht leisten könnten, selbst wenn sie es wollten. Und die Allianz mit dem Staat steht schon, auf beiden Seiten des Pazifiks: Die Vereinigten Staaten haben ihre KI-Politik zur Sicherheitsfrage erklärt, China seit langem ohnehin. Europa spricht von digitaler Souveränität und kauft währenddessen amerikanische Chips.

Es lohnt, sich in diesem Moment die richtige Frage zu stellen, und es ist nicht die, ob KI gut oder schlecht sei. Das ist die Frage, die die lineare und die zyklische Theorie beide abweisen, wenn auch aus verschiedenen Gründen. Die richtige Frage ist die weberische: Wer setzt hier seinen Willen durch, und gegenüber welchem Widerstreben? Und darauf aufbauend: Was geschieht, wenn dieser Wille sich in Herrschaft verwandelt, also in einen Gehorsam, der uns nicht mehr als Gehorsam vorkommt, weil die Schnittstelle so bequem, die Suchmaschine so hilfreich, der Assistent so zuvorkommend ist?

Die Antwort hängt nicht nur von der Technik ab, sondern von den Institutionen, die wir ihr entgegenhalten oder nicht entgegenhalten, und von der inneren Verfassung derer, die mit ihr täglich umgehen. An dieser Stelle kehrt die Frage zum Einzelnen zurück, ohne dass der Einzelne die Schlacht allein schlagen könnte.


Ernst Jünger hat in seinem Waldgang von 1951 die Figur beschrieben, die in der totalen Mobilisierung noch einen inneren Punkt bewahrt, den die Mobilisierung nicht einnimmt. Jünger sprach vom Totalitarismus, aber was er beschrieb, war allgemeiner: die Weigerung, sich dem Verfügbarkeitsanspruch der Zeit restlos zu überlassen. Diese Haltung ist auch in der technologischen Spätmoderne noch möglich, und sie ist vielleicht die einzige, die das Wort Freiheit heute noch ohne Ironie trägt. Sie ist nicht Ablehnung der Technik. Maschinenstürmerei ist lächerlich und war es immer. Sondern ein bewusstes Verhältnis zu ihr. Sie unterscheidet zwischen dem Werkzeug, das ich benutze, und dem System, das mich benutzt. Zwischen dem Dienst, für den ich bezahle, und dem Tausch, in dem ich die Ware bin. Zwischen Teilnahme und Unterwerfung.

Das Muster wird sich wiederholen. Das sagt die Geschichte mit einer Sicherheit, die nur die wenigsten Gesetze haben. Die Gegenbewegung wird kommen, wie sie immer gekommen ist, und sie wird länger brauchen, als die Ungeduld erträgt. Die einzige Frage, die zwischen dem Jetzt und der Gegenbewegung offen bleibt, ist, was wir in der Zwischenzeit tun. Ob wir die Muster benennen, bevor sie uns benennen. Wer die entscheidende Technik seiner Zeit kontrolliert, kontrolliert die Gesellschaft: Das ist kein Verschwörungsgedanke, sondern der nüchternste Satz, den man über die Vergangenheit sagen kann. Ob er auch der nüchternste Satz über die Zukunft bleiben muss, ist die eigentliche Frage, und sie ist offen.

Preise die Sonne!

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